„Boomer“ und andere faule Rentner

Es ist Sommer. Eine Zeit, in der auch die abwegigsten Ein- und Ausfälle ihren Weg auf die Titelseite der Zeitungen finden. Leider wird dabei nicht nur zur Jagd auf einen Alligator im Badesee geblasen. Marcel Frantzscher (54), renommierter Ökonom und Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hatte eine solche schlagzeilenträchtige Idee. Er schlug vor, ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentner einzuführen. Das ist eigentlich nichts Neues (auch Generationsforscher Klaus Hurrelmann (81) plädierte kürzlich für ein soziales Pflichtjahr für Senioren), kommt aber von einem, der es eigentlich besser wissen und sich der Wirkung seiner Worte bewusst sein müsste.

Warum ist der Vorschlag so absurd?

Unterschlagen wird, dass Rentner Familienangehörige pflegen, zum Beispiel ihre Eltern, und sich um ihre Enkel kümmern, weil der Staat sein Versprechen für eine zuverlässige Ganztagesbetreuung nicht einhält. Teilweise arbeiten die Ruheständler noch, um ihre schmale Rente aufzubessern. Sie engagieren sich in Vereinen und Verbänden. Ohne Rentner würde vielen Organisationen Personal fehlen.

Ganz nebenbei: „Boomer“ und andere Rentner haben schon ihren Teil geleistet. Trotzdem werden gerade die „Boomer“ aktuell von vielen Interessengruppen zum Feind hochstilisiert. Weil sie ihren Teil des Generationsvertrages nicht erfüllt und zu wenig Kinder in die Welt gesetzt haben und jetzt so unverschämt sind, trotzdem ihre wohlverdiente Rente einzustreichen. Das Thema hatte ich auch in meinem Beitrag zum Boomer-Soli aufgegriffen.

Wer es vergessen hat: Nach der Schulzeit mussten die Rentner von heute in die Kasernen einrücken. Die Wehrpflicht in Deutschland wurde 1956 eingeführt, mitten im Kalten Krieg. Die Idee: Wenn es hart auf hart kommt, sollen genügend junge Männer schnell die Bundeswehr auffüllen können.

Zur Erinnerung:

ZeitraumDauer der Wehrpflicht
1956 – 196212 Monate
1962 – 197318 Monate
1973 – 199015 Monate
1990 – 199612 Monate
1996 – 200210 Monate
2002 – 20119 Monate
Jan 2011 – Jul 20116 Monate
ab Juli 2011Aussetzung der Wehrpflicht

Zusammengefasst: Anfangs dauerte der Dienst noch 12 Monate, später wurde die Länge der Dienstzeit mal rauf- und mal runtergeschraubt – am Ende waren’s nur noch 6 Monate. Parallel dazu gab’s natürlich den Zivildienst für alle, die nicht zur Truppe wollten.

2011 hat man die Wehrpflicht dann ausgesetzt. Es gab und gibt keine Einberufungen mehr – niemand wird automatisch zur Bundeswehr eingezogen.

Das Wehrpflichtgesetz existiert aber weiterhin. Theoretisch könnte der Bundestag mit einem Beschluss die Wehrpflicht jederzeit wieder aktivieren, zum Beispiel in einer großen Krise.

Die Bundeswehr wurde 2011 zur Freiwilligenarmee, weil sich die sicherheitspolitische Lage geändert hatte und Wehrpflichtige in so kurzer Zeit eh kaum sinnvoll ausgebildet werden konnten.

Die Vertreter der Generationen, die die Gnade der späten Geburt hatten, kennen ihn glücklicherweise nur aus dem Schulunterricht: den Kalten Krieg. Sie wissen wenig von der Angst vor dem dritten, dem letzten Weltkrieg. Erst in jüngster Zeit, angesichts des Angriffs von Kreml-Herrscher Wladimir Putin auf die Ukraine, ist die Angst vor dem Atomkrieg wieder präsent. In dieser Zeit Uniform zu tragen, war über den Frust über die vermeintlich verlorene Zeit hinaus eine hohe Belastung.


Für diejenigen, die nicht das Glück gehabt haben, es in der Schule gehört zu haben, hier ein kurzer Exkurs:

Der Kalte Krieg war im Grunde ein riesiger Dauerstreit zwischen den USA und der Sowjetunion (plus deren Verbündeten), der etwa von 1947 bis 1991 ging. „Kalt“ heißt er, weil es nie zu einem direkten großen Krieg zwischen den beiden Supermächten kam – stattdessen lieferten sie sich ein Wettrennen in Rüstung, Raumfahrt, Ideologie und Einflusszonen.

Die Welt war in zwei Lager geteilt:

  • Westen (USA, NATO, kapitalistisch/demokratisch)
  • Osten (Sowjetunion, Warschauer Pakt, kommunistisch/sozialistisch)

Typische Merkmale:

  • Aufrüstung mit Atomwaffen (die ständige Angst vorm „Atomkrieg“)
  • Propaganda auf beiden Seiten („wir sind die Guten, die anderen die Bösen“)
  • Stellvertreterkriege in anderen Regionen, z. B. Korea, Vietnam, Afghanistan
  • Mauerbau & Blockkonfrontation in Berlin/Deutschland
  • Wettrennen ins All (Sputnik, Mondlandung usw.)

Ende nahm das Ganze 1991, als die Sowjetunion zerfiel.


Jetzt könnte man darüber lamentieren, dass Rente weder eine Sozialleistung noch ein Almosen ist. Dass es deshalb doch viel naheliegender scheint, Bürgergeldempfänger für Aufgaben im sozialen Bereich heranzuziehen … Man könnte sich trefflich darüber streiten, ob es die Aufgaben für ungeschultes und möglicherweise unwilliges Personal überhaupt gibt. Oder ob man durch die Schaffung solcher Stellen die Notwendigkeit für einen bürokratischen Überbau erzeugt, der mehr Geld kostet, als er spart.

Muss man aber nicht, denn um einen verpflichtenden Arbeitsdienst für Rentner einzuführen, braucht es eine Grundgesetzänderung und damit eine Zweidrittelmehrheit im Parlament, das sich schon schwer genug tut, überhaupt Mehrheiten zu finden.

Am Ende des Sommerlochs bleibt der Versuch übrig, die Menschen in Deutschland in Gruppen zu zersplittern. Frei nach dem Motto „teile und herrsche“ versuchen viele Interessengruppen, von den eigenen Problemen abzulenken, indem sie Fronten zwischen Alt und Jung, Arm und Reich, Hiesigen und Zugereisten beschwören. Und damit das Wertvollste aufs Spiel setzen, was Deutschland noch zu bieten hat: den sozialen Frieden.

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